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Wie ich zur Bonusmama wurde / Patchwork

Posted on November 30, 2021 at 12:40 AM


Um eines Vorweg zu nehmen: Ich habe diesen Artikel NICHT geschrieben.
Sandra Lachmann von wortkonfetti.de ist die Autorin dieser Zeilen, die ich so 1:1 spüre und erLebe


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Die meisten Frauen macht ihre erste Schwangerschaft zur Mutter. Bei mir war es die Beziehung zu meinem Partner. Sie machte mich zur sagenumwobenen Stiefmutter. Zur Bonusmutter, wie ich es lieber ausdrücke. In jedem Fall eben zur noch kinderlosen Frau eines Mannes, der bereits einen Sohn mit in die Beziehung brachte. Die wohl größte Herausforderung, die mein Leben bislang für mich bereithielt. Eine Herausforderung, die mich mein Leben lang begleiten wird.

 

Dass er ein Kind hat, das wusste ich vergleichweise schnell, aber ich hatte offengestanden keine Vorstellung, was das für meine Zukunft bedeuten könnte. Eine konkrete Alltagsbedeutung mit all den emotionalen Fallstricken für sämtliche Beteiligte kannte ich damals allerdings nicht.

 

Ein anderer Grund, warum ich dem Ganzen anfangs nicht die Bedeutung zumaß, die ich heute alltäglich erlebe: Ich war über beide Ohren verliebt. Viele von Euch haben sicher selbst schon einmal erlebt, dass in diesem emotional-intensiven Glückszustand jede, wirklich jede, Herausforderung machbar erscheint. Dass potentielle Probleme so weit entfernt scheinen, dass sie nicht daran hindern, den geliebten Menschen immer weiter an sich heran und die Beziehung immer stabiler werden zu lassen.

 

Nach einem Jahr zogen wir in ein gemeinsames Haus, das genügend Platz für Patchwork bietet. Ebenfalls eine richige Entscheidung, denn Patchwork braucht Raum, ganz buchstäblich.

 

Die ersten Jahre im Leben als kinderlose Frau in einer Patchworkfamilie waren Lehrjahre voller Höhen und Tiefen. Ich startete optimistisch, bemühte mich stets um gute Stimmung und gemeinsame Aktivitäten, die uns zusammenwachsen ließen. Ich wollte meinem Partner eine Stütze sein und zeigen, dass er sich meiner Solidarität und Toleranz sicher sein kann und dass ich eine gute Mutter für spätere gemeinsame Kinder sein werde. Ich wollte schlicht und ergreifend nichts tun, was man einer Stiefmutter klischeehaft nachsagt. Hohe selbstgesteckte Ansprüche an mich waren das, in gewisser Weise aber auch an alle anderen.

 

Was ich nach einiger Zeit merkte: Es ist unmöglich, meine Erfahrungen und Wünsche, wie Familie gelebt wird, mit zwei Menschen (im Hintergrund noch mehr durch die Kindsmutter/ Schwiegereltern) umzusetzen, die aus ihren Herkunftsfamilien ganz andere Strukturen und Dynamiken kennen und von denen zwei diese auch nach wie vor immer wieder ihres Alltags leben.

 

Ich hatte das mit viel Energie versucht, ohne es zu merken. Was ich merkte, war lediglich, dass ich viel säte, aber wenig erntete. Dass ich die ausgesäten Samen mit Gießkannen voller Zuversicht goss, mein Mann sich über die ersten Keimlinge, die ihre Köpfe aus dem Boden steckten, aufrichtig freute, aber immer wieder alles vertrocknete, sobald ich mich nicht um den kleinen Familiengarten kümmerte. Manchmal trampelten Kinderschuhe auch einfach über die zarten Pflanzen. Ohne bösen Willen. Traurig und wütend war ich dennoch häufig. Ich hatte einfach nicht kapiert, dass unser Familiengarten nicht neu angelegt wurde, sondern unter der Erde schon eine ganze Menge Wurzeln und Pflanzenreste aus der Vergangenheit Platz beanspruchten.

 

Irgendwann begann die Sehnsucht nach etwas anderem. Nach etwas Leichterem. Ich sehnte mich nach Privatssphäre. Nach Ordnung im Bad und in der Küche, die nicht verloren geht, sobald ein Kind geduscht oder sich ein Brot geschmiert hat. Nach einem Ende des Termin-Tetris, wenn mal wieder Urlaube zu planen waren. Nach Schwiegereltern, die mir nicht erzählten, was mein Bonuskind braucht und was nicht und was die Kindsmutter in der letzten Whatsapp geschrieben hat. Danach, dass meine Lieblingssofa-Ecke mit den schönen Kissen nicht besetzt ist und mit Krümmeln voll ist, wenn ich ins Wohnzimmer komme. Danach, beim Familienessen einfach immer frei über alles reden zu können, ohne im Hinterkopf überlegen zu müssen, welche Fallstricke sich hinter Informationen auftun können, wenn das Kind sie beiläufig in seinem anderen Zuhause erzählt und das dann wieder zurückkommt mit vielen Bewertungen und auch oft Abwertungen. Ich sehnte mich nach einer klassischen Beziehung ohne Altlasten. Und kam mir dabei schlecht vor. So schlecht... Sagte mir selbst immer wieder, dass ich es mir so ja nun mal ausgesucht habe und der richtige Mann mit Kind ja wohl immer noch besser wäre als der Falsche ohne.

 

Besser wurde es, als ich aufhörte, das aus meiner eigenen Kindheit und meiner Vorstellung von Familie mitgebrachte Saatgut immer wieder auszusäen. Endlich verstand, dass die Erde in unserem Familiengarten anders ist als in einem neu angelegten Beet. Als ich achselzuckend akzeptierte, dass meine Vision eines Familienalltags nicht umzusetzen ist. Ich investierte nicht mehr so viel Zeit und Mühe in das Miteinander, erwartete dadurch aber auch weniger. Was desillusiniert klingen mag, war eine Entlastung. Für uns alle. Das Abstreifen des Selbstverständnisses der Familienmanagerin schonte meinen Energiehaushalt und plötzlich waren die wiederkehrenden Brötchenkrümel nur noch nervig, aber kein Grund mehr, meine gesamte Lebenssituation in Frage zu stellen . Und das wiederrum stärkte meine Beziehung.

 

Auch ein gemeinsamer Kinderwunsch und der Fokus auf eine gemeinsame Zukunft / als Paar und als gemeinsame Familie und als große Patchworkfamilie änderte Vieles und brachte vieles ins Gleichgewicht,... auch, wenn es leider noch nicht so ist.

 

Ich weiß noch genau, wie in einer Familienkonferenz über mögliche Geschwister sprachen berichteten. Die Reaktion war si wohlwollend und verbunden mit einem tiefen Wunsch nach Geschwistern auf beiden Seiten. Eine Reaktion, über die ich sehr froh war, denn ich hätte eine andere sehr gut verstehen können. Wie muss es sich nämlich für Trennungs-Kinder anfühlen, wenn ihr Vater, den sie nicht jeden Tag sehen, ein weiteres Kind bekommt, das er dann jeden Tag um sich hat? Mit dem er den Alltag lebt, der ihnen selbst nicht möglich ist? Es muss schwierig auszuhalten sein, denke ich. Umso glücklicher bin ich, dass es so wohlwollend ist.

 

Denn Hand aufs Herz: Natürlich hat meine Vision einer eigenen Familie und einem eigenen, gemeinsamen Kind eine größere Bedeutung für mich als meine Beziehung zu meinem Bonuskind. Ich halte das für vollkommen normal und naturgegeben, aber kaum jemand, der Patchwork lebt, spricht das so deutlich aus.

 

Ich sehe das an allen Eltern - sie lieben Ihre Kinder so grenzenlos, wie man niemanden sonst auf der Welt jemals lieben wird – und dementsprechend wird das auch bei mir so sein.

Leibliche Eltern sind selbstlos bereit auf Zeit für sich selbst zu verzichten. Sie drücke n schneller beide Augen zu, wenn Unordnung da ist.

 

Ich kämpfe bei der schwierigen Jahresurlaubsplanung zunächst darum, dass wir zu als Paar eine gute Auszeit realisieren können. Ich beschäftige mich mit der Frage, wie mein Leben als leibliche Mutter sein wird viel intensiver als mit der Frage, in welcher fortführenden Schule mein Bonussohn gehen wird.

 

Doch glaubt nicht, dass ich mich dabei immer gut fühle. Nein, ich fühle mich sogar sooft schlecht: Wenn wir dem Bonuskind von unserem Urlaub zu Zweit berichten, aber noch nicht klar ist, ob er mit mit seinem Vater und mir in die Ferien fahren wird. Ich fühle mich schlecht, wenn meine Eltern, die sich so sehr ein leibliches Enkelkind wünschen, nicht mit der selben Herzlichkeit wie die leiblichen Großeltern meinen Bonussohn empfangen.

Ich möchte sehr wohl, dass sich alle bei uns gesehen und wohl fühlen. Merke aber gleichzeitig, dass ich meinen eigenen Wunsch in gewisser Weise bevorzuge – Nicht, weil ich dem Bonussohn gegenüber in irgendeiner Weise feindlich gesinnt bin. Ich habe ihn unglaublich lieb - Nein, es liegt in der Natur der Sache. Und trotzdem schäme ich mich manchmal dafür.

 

Und eine Sache, über die man ja am liebsten gar nicht so viel spricht, wird in Patchwork-Familien zwangsläufig auch zum notwendigen Thema: Geld. Wieviel zahlt wer für den gemeinsamen Patchwork-Urlaub? Welche Anschaffungen gehören in den Unterhalt und welche finanziert man noch darüber hinaus? Und wie regelt man als Ehepaar in einer Patchwork-Familie eigentlich das Erbe für die Kinder? Ja, ganz genau: das Erbe. Spätestens wenn man sich darüber mal Gedanken macht, wird deutlich, dass Patchwork tatsächlich niemals endet.

 

Was uns unglaublich geholfen und so vieles Verändert hat: Hilfe von Außen! Wir suchten das Gespräch mit einer Familientherapeutin, die auf Patchwork spezialisiert ist. Wir waren Teil einer Coaching Gruppe zum Thema Patchwork. Wir lasen Fachbücher und besuchten Seminare! Denn in jeder Situation, in der einem das Know-how zur Lösung fehlt, lohnt sich der Gang zum Spezialisten. Ich schneide ja auch meine Haare nicht selbst oder repariere den Motorschaden am Auto. Das können andere nämlich erheblich besser. Weil sie jeden Tag beruflich damit zu tun haben und daher Kniffe und Ratschläge kennen, die ich mir nicht mal selbst ranschaffen kann. Diese Familientherapeutin war es, die mir unmissverständlich deutlich gemacht hat, dass Patchwork niemals auch nur annähernd wie eine klassische Familie funktionieren wird – und dass das auch völlig in Orndung ist.

 

Weihnachten, Schulfeste, runde Geburtstag… Familienfeste und ähnliche Termine sind immer wieder eine knifflige Angelegenheit in Patchwork-Familien. Wo ist das Kind an welchem Weihnachtstag? Kann die Patchwork-Mutter mit zum Abschlussfest in der Schule oder toleriert das die leibliche Mutter der Kinder nicht? Sollten die Bonus-Großeltern allen Enkeln ungefähr gleichviel zum Geburtstag schenken, dem eigenen aber auch den hinzugewonnen? Unser Patchwork-Puzzel – und auch das aller anderen zusammengewürfelten Familien – besteht ja aus deutlich mehr Teilen, als man im ersten Moment denkt. Verwandte, ehemalige Nachbarn, die Ex-ParterInnen… Alle haben Erwartungen, ihre eigenen (manchmal sehr schwierigen) Geschichten und Gepflogenheiten. Das macht die Sache nicht einfacher, sondern führt zu Abstimmungsbedarf, den sich klassische Familien im Traum nicht ausdenken können.

 

Plumpes Beispiel: Man darf gespannt sein, was passiert, wenn mein Bonussohn mal heiratet und die Sitzordnung am Familientisch geklärt werden muss. Das ist noch weit hin... und doch gibt es solche Situationen schon. Denn zu einem Schulfest werden häufig nur die leiblichen Eltern eingeladen...

Ich finde, das ist eine ganz klassische Situation, die das Dilemma aller Patchworkfamilienmitglieder gut zusammenfasst: Es gibt immer wieder Momente, in denen man irgendwem auf den Schlips treten muss. Auch wenn man alle gern hat, es gibt ständig Entscheidungssituationen, in denen man den Mut aufbringen muss, Prioritäten zu setzen. Wohlwissend, jemanden zu verletzen. Daran führt einfach kein Weg vorbei.

 

 

Patchworkfamilie: Eine komplette Katastrophe?

 

Wenn Ihr es bis hierhin geschafft habt und selbst keine Patchworkfamilie habt, dann möchtet Ihr jetzt vermutlich auch keine mehr haben. Denn ja, das alles klingt alles andere als einladend und gemütlich. Aber was soll ich sagen: Das Leben geht seine eigenen Wege und wer unvoreingenommen offen für die Liebe ist, der landet eben dort, wo er sie findet. Und schwuppdiwupp, zieht man plötzlich in einen völlig anderen Kulturkreis, führt eine Fernbeziehung, muss sich vor seinen Eltern als homosexuell outen oder lebt eben mit Kindern unter einem Dach, die nicht die eigenen sind. Und dann?

 

Ja dann ist das schlicht und ergreifend so und man tut gut daran, geduldig zu sein und sich immer wieder mit seinem Partner/ seiner Partnerin über Sorgen und Wünsche auszutauschen. Gemeinsam einen Weg zu finden und nicht immer darüber nachzudenken, was alles besser sein könnte. Aber eben auch nicht so zu tun, als sei alles so easypeasy wie in klassischen Partnerschaften, für die es seit Jahrzehnten Vorbilder und gelernte Rituale gibt.

 

Es gibt viele Familien, jede ist anders. Und es gibt viele Patchworkfamilien, von denen ebenfalls jede anders ist. Es gibt Stiefvaterfamilien, Stiefmutterfamilien, Familien mit gemeinsamen Kindern und Stiefkindern, solche, in denen die Kinder dauerhaft leben und solche, bei denen die Kinder nur zeitweise zu Besuch sind. 74 verschiedene Zusammensetzungsmöglichkeiten unterscheiden Familienforscher – meine Geschichte ist daher nur eine unter vielen und erhebt keinen Anspruch, repräsentativ zu sein. Daher fasse ich zum Abschluss auch nur sehr allgemein ein paar Empfehlungen zusammen, die dem ein oder anderen von Euch noch Denkanstösse geben können

 

  • Sucht Euch eine Verbündete: Wie oben beschrieben war und ist es für mich eine große Hilfe, mich mit Katarina über Patchwork-Situationen und Gefühle, die daraus entstehen, austauschen zu können. Schaut doch einfach mal, ob ihr analog oder auch digital Verbündete findet.
  • Nehmt professionelle Hilfe in Anspruch: Es gibt wiederkehrende Schwierigkeiten in Eurer Patchwork-Familie? Gönnt Euch einen Expertenblick von draußen. Nach ein, zwei Sitzungen habt Ihr die Dynamik, die dahintersteckt, vermutlich schon verstanden und könnt besser an Lösungen arbeiten. Lohnt sich.
  • Nehmt Eure Bedürfnisse ernst: Was für Mütter in klassischen Familienmodellen gilt, gilt in Patchwork-Situationen meiner Ansicht nach sogar noch mehr – sorgt dafür, dass Eure Bedürfnisse nicht auf der Strecke bleiben. Das erfordert manchmal den Mut, die Bedürfnisse der anderen zu übergehen, aber ihr könnt es nicht allen recht machen.
  • Seid offen für kreative Lösungen: Ob Raumverteilung, Urlaubsplanung oder Frühstücksrituale – in einer Patchwork-Familie gelingt häufig nicht, was man aus der eigenen Herkunftsfamilie gewohnt ist. Haltet daher nicht auf Biegen und Brechen an Gewohntem fest. Manchmal gibt es dann eben keinen gemeinsamen Jahresurlaub, sondern ihr als Mutter verreist mit einer Freundin, während der Mann mit seinen Kindern woanders urlaubt. Oder Weihnachten wird gemeinsam erst am 27. 12. gefeiert, weil es die Rahmenbedingungen nicht anders zulassen. Wenn Ihr immerzu an tradierten Vorstellungen festhaltet, werdet Ihr regelmäßig gefrustet sein.
  • Zwingt euch nicht zu Gefühlen, die ihr nicht habt: Ihr müsst die Kinder, die vergleichweise überraschend in Euer Leben getreten sind, nicht lieb haben und ihnen beim Zubett-Gehen fürsorglich die Haare streicheln, wenn Ihr das nicht fühlt. Die natürliche intensive Verbindung, die Eltern zu ihren leiblichen Kindern aufbauen, kann nicht künstlich erzeugt werden.

 

 

„Mütter aus Deutschland“: Das ist meine Ergänzung

 

So. Fertig. Weil ich irgendwann fertig werden muss. Nicht, weil ich das Gefühl habe, tatsächlich alles geschrieben zu haben, was eigentlich geschrieben werden müsste. Einiges bleibt auch deshalb ungeschrieben, weil es zu persönlich ist. Aber ich wollte schon lange einmal etwas zu meinem Patchwork-Alltag veröffentlichen, weil ich selbst in den vergangenen zehn Jahren kaum etwas dazu gefunden habe, worin ich mich wiederfand und was mir das Gefühl gegeben hat, mit meinen Gefühlen nicht allein zu sein.

 

Den finalen Anstoß, es wirklich zu tun, hat mir das neu erschienen Buch „Mütter aus Deutschland“ gegeben, das ich Euch von Herzen empfehlen möchte (unbeauftragte Werbung!). Tanya Neufeldt porträtiert darin ganz unterschiedliche Mütter mit ganz unterschiedlichen Familiengeschichten und zeigt dadurch, wie einzigartig Familienleben und wie unsinnig Vergleiche unter Müttern sind. Die Geschichten darin sind wunderbar respektvoll und zugleich eindringlich erzählt, ich habe sie auf einer Zugfahrt alle verschlungen. Doch eine Mutter fehlte mir in dem Buch – die Patchworkmutter.

 

Und deshalb entstand dieser Text.

 

Der hoffentlich der ein oder anderen Patchworkmutter von Euch gut tut.

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